REVIEWS:

Gesang zwischen Himmel und Erde

30.07.14, Rhein-Zeitung

RheinVokal: Theatre of Voices gastiert in Maria Laach

Maria Laach. Als Arvo Pärt in den 1970er-Jahren nach einer mehrjährigen Schaffenspause mit Werken in dem von ihm entwickelten " Tintinnabuli-Stil"  wieder an die Öffentlichkeit trat, umschrieb er diesen Stil so: " Ich habe entdeckt, dass es genügt, wenn ein einziger Ton schön gespielt wird. Dieser Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich."  Dieser Ton aber kann auch einfach schön gesungen werden. So, wie von dem Vokalensemble Theatre of Voices beim RheinVokal-Konzert in der Basilika des Klosters Maria Laach.

Es ist, als hätte sich das 1990 von Paul Hillier gegründete Vokalensemble genau jenen Satz von dem einzigen Ton zu eigen gemacht und setzte alles daran, seine Wahrheit zu demonstrieren. Nicht umsonst sind die Werke Pärts von Beginn an ein Rückgrat im Repertoire des Theatre of Voices und beim Laacher Konzert, kontrastiert mit Werken früher Musik: Das ist von der ersten bis zur letzten Note, von Guillaume de Machauts kunstvoll drei Textebenen miteinander verwebender, melismatisch schwingender Pfingstmotette " Veni creator spiritus"  bis zu Pärts " Stabat mater" eine mustergültige Umsetzung seines kompositorischen Credos zu Einfachheit und Sparsamkeit.

Da reicht eine einzige Stimme, den Kirchenraum zu füllen und die Zuhörer zu bannen. Das schaffen alle vier, in unterschiedlichen Kombinationen singenden Sängerinnen und Sänger des Theatre of Voices mühelos. Iris Oja entwickelt beispielsweise mit ihrer ebenso warmen wie klaren Altstimme in Pärts von Violine und Viola (Harry Traksmann und Torsten Tiebout, zusammen mit dem Cellisten Leho Karin das perfekte instrumentale Pendant zur Transparenz der Stimmen) begleiteter Motette " Es sang vor langen Jahren"  tatsächlich berührende Nachtigallen-Qualität. Und die Sopranistin Else Thorp gleitet in Hildegard von Bingens Sequenz zum Lob des heiligen Maximin, " Columba aspexit"  engelsgleich zwischen Himmel und Erde, Göttlichem und Menschlichem.

Genau diese Verbindung macht auch die aus dem 13. Jahrhundert stammende englische Sequenz " Stond wel, moder, under roode"  so besonders, der Dialog zwischen der trauernden Gottesmutter und ihrem sich für die Menschen aufopfernden Sohn, von Bassbariton Jakob Bloch Jespersen einerseits mitfühlend, andererseits entschlossen-ernst gesungen.

Höhepunkt des Konzerts ist Arvo Pärts " Stabat Mater"  für drei Stimmen und drei Streicher, 1985 im Auftrag der Alban Berg-Stiftung komponiert und im gleichen Jahr uraufgeführt. Ein Paradebeispiel für den " Tintinnabuli-Stil" , für die " freiwillige Armut" , die " nackte Einstimmigkeit" , für die Beschränkung auf den Dreiklang, auf sparsamste Melodiebewegung, lange Notenwerte. Das ist, vom Anfang bis zum Ende ein einziges Schweben, eine zutiefst konzentrierte, verdichtete Versenkung in purem Wohlklang.