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Die Schöpfergeister himmlischer Gesänge

21.07.14, Kamenz Sächsische Zeitung

Der Lausitzer Musiksommer hat begonnen. In Kamenz bot da Ensemble Theatre of Voices Vokalkunst von Weltformat.

Ob der Lausitzer den Sommer scheut, wenn ihm die Elemente Feuer und Wasser in Kombination begegnen? Mag er dann nicht philosophieren, entdecken? Waldbrände oder Gewitterstimmung wie zu Beginn des Lausitzer Musiksommers vor zwei Jahren - auch solche Assoziationen mag es geben. Unter "Feuer und Wasser" fanden am Freitag Haydns "feuersinfonie", ein barockes Tanzspektakel der Elemente von Jean-Fery Rebèl, ein Beethovenstück und ein rares Concertino für Klarinette, Violoncello und Orchester eines Mozart-Zeitgenossen zueinander. Die diesjährige Festivaleröffnung in Bautzen - das Mendelssohn-Kammerorchester Leipzig musizierte unter Leitung des Cellisten Peter Bruns in der Stadthalle Krone - hätte besser besucht sein können.

Aber ein von der Resonanz her klemmender Start ist nicht alles. Schon das Konzert am Sonnabend in der Kamenzer Klosterkirche St. Annen war nahezu ausverkauft. Es hatte sich herumgesprochen, dass mit dem Ensemble Theatre of Voices vokale Weltklasse zu erwarten war. Bestätigt wurde dies dann vom ersten Ton an. Guillaume de Machaut (ca. 1300-1377), Repräsentant der Ars nova, hat mit "Veni creator spiritus" ("Komm, oh Schöpfergeist") der Nachwelt ein Meisterstück vererbt. Zwei hohe Frauenstimmen singen simultan und auf höchst lebendige Weise jeweils eigene Texte, Loblieder auf Christus, den Beschützer, Erlöser, Kraftspender, Friedensbringer. Zwei Männerstimmen grundieren diesen Doppelmonolog mit melodischen Sequenzen, die sich permanent, aber in verschiedenen Tempi wiederholen. Isorhythmische Motette nennt man diese für ihre Epoche typischen Kompositionen, in denen sich Herz, Sinn und kühler Verstand treffen. Niemand weiss, wie die Musikgeschichte verlaufen wäre ohne diese mehrstimmigen Geniestreiche des Spätmittelalters.

Theatre of voices, das sind in aktueller Besetzung Else Torp (Sopran, Dänemark), Iris Oja (Mezzosopran, Estland), Christopher Watson (Tenor, England) und Jakob Bloch Jespersen (Bassbariton, Dänemark). Da 1990 von Paul Hillier gegründete Ensemble zählt zu den international renommiertesten, auch weil es so variabel und stilistisch vielseitig singen kann, wie auch in Kamenz überzeugend zu hören war. Soloauftritte wie Jespersens markige Intonation der mittelalterlichen Mariensequenz "Stond wel moder unter roode" ("Steh unter dem Kreuz, Mutter") eingeschlossen.

Der estnische Kultkomponist Arvo Pärt (geboren 1935) mag für seinen singulären Stil auf den Gregorianischen Gesang zurückgreifen; dennoch liegen Welten zwischen den Vorbildern und seiner Musik. Zumal nur erahnbar ist, wie for Jahrhunderten gesungen wurde. Pärt korrespondierte hier mit Zeitgenossen, mit Hildegard von Bingen und Gustav Holst, zog sich als roter Faden durchs Programm. Da war die Marienverehrung "Most Holy Mother of God" zu bewundern, da Friedensgebet "Da Pacem", schliesslich das zwanzigminütige "Stabat Mater". Theatre of Voices beglaubigten diese Gesänge mit lupenreiner Intonation, liessen Intensität, Tiefe und Askese auf frappierende Weise verschmelzen.

Absolut auf Augenhöhe musizierte da Streichtrio mit Harry Traksmann (Violine), Torsten Tiebout (Viola) und Leho Karin (Violoncello). "Incipit vita nova" ("Ein neues Leben beginnt") heisst ein 1989 geschriebenes Stück des Briten Gavin Bryarts für Alt und Streichtrio. Iris Oja und das Trio sorgten mit ihrer ergreifenden Deutung für einen Höhepunkt im Programm.

Weitere Chorkonzerte gab es am Wochenende in Bautzen, wo der Tscheche Petr Eben und vier sorbische Komponisten zu Ehren kamen. Am kommenden Freitag geht es weiter mit dem Lausitzer Musiksommer, der im 20. Jahr den "Vier Elementen" besondere Beachtung schenkt. Ein Dutzend Angebote wartet noch. Keine Scheu! Da ist mehr drin als nur Luft und Wasser.

Karsten Blüthgen